Räuber-
wald
Jamie
Aspinall






Klappentext:
Nach Jahren kehrt eine junge Frau als Jägerin an den Ort zurück, an dem sie einst aufgewachsen ist – den sagenumwobenen Räuberwald. Dort begegnet sie alten Weggefährten und neuen Gefahren. Doch die Welt hat sich verändert – und sie selbst ebenso. Was mit einer Rückkehr beginnt, wird zur Reise durch die Bruchstücke ihrer eigenen Vergangenheit. In verschachtelten Zeitebenen enthüllt sich Schritt für Schritt, was damals geschah: Wer sie war, warum sie den Wald verließ – und wie alles miteinander verbunden ist. Zwischen Machtspielen, mythischen Kreaturen und einer wachsenden Bedrohung muss sie entscheiden, wem sie vertrauen kann – und auf welcher Seite sie wirklich steht. „Räuberwald“ ist ein atmosphärischer Fantasyroman über Erinnerung, Identität und die Jagd auf Ungeheuer – erzählt in einer mittelalterlichen Welt voller mystischer Geschöpfe.



Prolog

Mit einer Hand klammerte sie sich an den scharfen Rand eines Felsens, während die andere nach oben tastete, um Halt zu finden. Ihre Muskeln zitterten, als sie das Gewicht nach vorne verlagerte, ein Bein streckte um sich mit einem kraftvollen Zug weiter hinaufzubefördern. Ein kurzer Blick zurück zeigte den Fluss, der sich glitzernd durch den Wald schlängelte, und die Sonnenstrahlen, die Reflexionen auf die Felswand warfen. Ein einziger Fehltritt würde sie fünfzehn Meter in die Tiefe stürzen lassen – direkt in die Strömung.

Sie hielt inne, verlagerte ihr Gewicht, um sicheren Stand zu finden, und atmete tief durch. Schweiss rann ihr über die Stirn, und ihre Finger glitten fast vom glatten Stein ab. Plötzlich lösten sich Schatten aus den Wolken über ihr. Riesige Raubvögel zogen lautlos ihre Kreise und steuerten auf die Felswand zu. Keine Bewegung, ermahnte sie sich, während sie erstarrte. Die Vögel, mit messerscharfen Klauen und mächtigen Schwingen, verschwanden geschickt in einer Lücke zwischen den Felsen.

Das war ihr Moment. Mit einem Sprung katapultierte sie sich zum nächsten Überhang und zog sich behände hinauf. Ihre Stiefel fanden keinen festen Halt; lose Steine rutschten unter ihren Sohlen weg, und sie fühlte, wie sie abrutschte. Steine prasselten hinab und verschwanden in der Tiefe, bevor sie mit einem dumpfen Platschen im Fluss landeten. Im letzten Augenblick griffen ihre Hände eine herausragende Baumwurzel. Keuchend hielt sie sich daran fest, während sie gefährlich hin und her schwang.

Ein weiterer Raubvogel schoss aus der Höhle. Diesmal konnte sie nicht still verharren – der Vogel würde sie sehen und Alarm schlagen. Doch er flog ohne zu zögern in die andere Richtung und bemerkte sie nicht. Erleichtert zog sie ihr Bein nach oben und fand schliesslich festen Halt. Das Höhlennest war nicht mehr weit.

Mit einer zügigen Bewegung griff sie an ihren Gürtel, wo eine Kugel aus geflochtenem Bast baumelte. Eine lange Zündschnur ragte heraus. Der Plan war simpel: Die Bombe würde dichten, beissenden Rauch freisetzen, der das Nest für lange Zeit unbewohnbar machen wird. Sie fasste neuen Mut und nahm die letzten Meter in Angriff.
Im Inneren der Höhle blieb sie stehen, bis sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Die Höhle war riesig, aus der Tiefe der Höhle drangen Stimmen zu ihr: „Hoho, gleich wird Blut fliessen. Zerfetzen wir das Menschlein!“
„Nein, nein, Schwester, Geduld! Es soll noch wachsen und uns alle nähren!“

Die Worte liessen ihr das Blut in den Adern gefrieren. Sie drückte sich an die feuchte Tunnelwand und horchte angestrengt. Sie konnten sie unmöglich gesehen haben. Es liess also nur einen Schluss zu: Die Wilddruden hatten ein Kind gefangen! Druden waren bekannt dafür, Menschen, vor allem Kinder, zu entführen. Sie löste ein dünnes Seil von ihrem Gürtel und knüpfte es an die Wurzel eines dürren Baumes, der durch den Höhlenboden ragte. Mit zitternden Händen entfachte sie ihren Feuerstein und entzündete die Zündschnur der Bombe. Dann platzierte sie die Bombe am Boden. Jetzt musste es schnell gehen.
Sie schlich vorsichtig in Richtung der Stimmen, bis sie eine Gruppe von Druden entdeckte. Drei dieser Kreaturen – halb Frau, halb Adler – sassen um einen hölzernen Käfig, in dem ein kleines Kind kauerte. Die riesigen Wesen waren gefährlich und furchteinflössend, aber sie hatten einen Schwachpunkt: Sie konnten Menschen nur sehen, wenn diese sich bewegten. Hier, in der engen Höhle, war das jedoch kaum von Nutzen.
Ohne zu zögern schlich sie zum Käfig und begann, das Seil durch die Stäbe zu ziehen. Die Druden nahmen die Bewegung wahr und sprangen auf; ihre messerscharfen Krallen blitzten im Halbdunkel.
„Zerkratzen und zerfetzen wir sie!“, kreischten die Druden. Blitzschnell schnappte sie sich das Seil und rannte zurück zum Höhleneingang, den Käfig hinter sich herziehend.

Mit einem letzten kraftvollen Sprung warf sie sich aus der Höhle in die Tiefe. Der Käfig wurde mitgerissen, während hinter ihr die Bombe explodierte. Ein dichter, beissender Rauch mit starkem Duft nach Lilien erfüllte die Höhle. Die Druden, benommen und hustend, stürzten aus ihrer Behausung und suchten Schutz.

In einem lauten Krachen landete sie im kalten Fluss. Kaum war sie abgetaucht, klatschte der Käfig ins Wasser, verfehlte sie nur knapp und hätte sie fast auf den Grund gestossen. Schnell schwamm sie zum Käfig; die kleine Insassin darin zitterte vor Angst, schien aber unverletzt.
Eilig zog sie ihren Umhang über den Käfig, um sie beide vor den Druden zu verdecken. Gerade rechtzeitig, denn deren Kreischen hallte bereits wieder durch den Wald. Weitere Kreaturen hatten sich ihnen angeschlossen. „Wo sind sie? Wir wollen ihr Blut trinken!“, schrien sie, doch der Fluss trieb sie und ihre kostbare Fracht immer weiter weg.
Erst als das Gekreische verstummte, steuerte sie das Ufer an. Dort zog sie den Käfig an Land und öffnete ihn mit einem Ast. Das kleine Mädchen darin, nicht älter als vier Jahre, zitterte vor Kälte, die Lippen blau verfärbt.

„Alles in Ordnung, Kleine?“, fragte sie sanft.
Das Kind nickte zögernd, Tränen in den grossen Augen. Schliesslich flüsterte es: „Ich bin keine Kleine, ich bin eine Prinzessin. Und wo ist Sabah?“ Dann brach es in Tränen aus, sie nahm das Kind in die Arme und beide sanken erschöpft am Ufer nieder.

 


Kapitel 1: der Auftrag

Früh am Morgen verliess eine Reiterin die Reichsstadt durch das Stadttor. Sie trug einen langen Umhang mit einer Kapuze, die ihr Gesicht in Schatten hüllte. Die Wachen, noch müde von der Nacht, warfen einen kurzen Blick auf die Brosche mit dem Zeichen des Grafen, nickten ihr respektvoll zu und liessen sie passieren. Die Reiterin erhöhte ihr Tempo, sodass die Hufe ihres Pferdes laut auf der hölzernen Zugbrücke widerhallten. Ihr Weg führte sie zunächst über die gepflasterte Landstrasse, wo Händler und schwere Holztransporter in Richtung Stadt unterwegs waren. Eine massive Brücke spannte sich über den Fluss, sie stoppte, bis die Wachen die zweite Zugbrücke herabgelassen hatten. Zügig ritt sie weiter. Die Luft war kühl und frisch, die Sonne stand immer noch tief am Himmel und war nur gelegentlich von kleinen Wolken verdeckt. Zu ihrer Linken erstreckte sich der Wald wie eine endlose, dunkle Mauer, düster und scheinbar unüberwindbar. Krähen kreisten am Himmel, ihre Rufe hallten gespenstisch wider. Die Reiterin hielt kurz inne, um die würzige Luft des Waldes einzuatmen – der Duft von Tannenzapfen und Harz lag schwer in der Morgenbrise. Da nahm sie eine Bewegung hinter sich wahr. Ruckartig drehte sie sich um. Ein alter Händler in einem Rock aus Brokat stand hinter ihr, den Arm schwer auf einen Stock gestützt. „Wollt wohl in den Wald hinein?“, begann er und hob zittrig die Hand. „Aber da habt ihr bald eine Hand am Mund, da nehmen sie euch mit Gewalt, schneiden euch die Kehle durch, bevor ihr auch nur einen Schrei ausstoßen könnt. Räuber. Der Wald ist voll davon.“ Er verstummte, während seine Hand immer noch unruhig auf und ab ging. „Ich kann auf mich aufpassen“, sagte die Reiterin, wandte sich ab und ritt davon.

Auf der Landstrasse kamen ihr immer wieder Reisende entgegen, die sie höflich grüsste, bis der Weg zunehmend einsamer wurde. Nach einer Weile änderte sich die Szenerie: Der Waldrand lichtete sich, die Schatten wirkten weniger bedrohlich und die Vogelstimmen klangen fröhlicher. Ein sanfter Wind säuselte in den Baumwipfeln und aus der Ferne hörte sie den Ruf eines Kuckucks. Die Reiterin hing ihren Gedanken nach, während der Weg sie durch eine Moorlandschaft führte, die von kleinwüchsigen Espen und dichtem, undurchdringlichem Schilf gesäumt war. Dumpf hallten die Huftritte auf dem weichen Boden wieder und einige Kraniche trompeteten empört, als sie vorbeiritt. Sie schaute sich um: Die dürren Halme schwankten im Wind und im Teich platschten einige Frösche. Sie genoss die Stille der Natur, ritt an einem grossen Teich mit einem hölzernen Steg vorbei und zügelte ihr Pferd mit einer Handbewegung. Sie stieg ab, tätschelte ihr Pferd und liess ihre Füsse barfuss ins kalte Wasser gleiten. Sie schauderte, nahm einen Schluck aus ihrer Wasserflasche, beobachtete die Szenerie und genoss die wärmende Morgensonne. Kurz verharrte sie in Gedanken, bevor sie das Pergament mit ihrem Auftrag hervorholte. Mit ernstem Blick las sie die Anweisungen und seufzte. Es fiel ihr schwer an einem solch sonnigen Tag wie diesem, an solch düstere Begebenheiten zu denken – aber es war ihr Beruf. Als Jägerin des Königs jagte sie nicht Rehe oder Wildschweine. Ihre Beute waren andere – gefährlichere – Wesen: Kreaturen aus den dunklen Tiefen des Waldes, die Menschen verschleppten, verstümmelten oder frassen. Vor wenigen Wochen war sie aus der Hauptstadt Dornmark des Königreiches in die namenlose Reichsstadt gezogen. Nun stand ihr erster Auftrag bevor. Im Kirschblütental hatte ein Ungeheuer zwei Bauern auf grausame Weise getötet. Ihr Ziel war nah; mit etwas Tempo würde sie das Dorf vor Tagesende erreichen. Ein Bad im Teich lockte, doch sie entschied sich dagegen. Der Auftrag war wichtig – je schneller sie handelte, desto weniger Opfer gab es. Rasch packte sie ihre Habseligkeiten zusammen und ritt weiter.

Der Weg schlängelte sich dem Waldrand entlang und führte sie immer wieder in den dichten Wald hinein. Dort wurde es merklich kühler und goldene Sonnenstrahlen drangen flimmernd durch das Blätterdach. Die leuchtend roten Beeren der Ebereschen schimmerten wie Blutstropfen durchs Gestrüpp, und als sie vorbeiritt, stoben die Vögel kreischend davon. Die dumpfen Schläge der Hufe hallten durch den Wald, während aufgewirbelter Staub in der Luft tanzte. Der gleichmässige Rhythmus des Ritts und die Stille des Waldes entspannten die Reiterin. Als sie einen Kamm erreichte, eröffnete sich vor ihr ein idyllisches Bild: Zwischen sanften, von blühenden Kirschbäumen gesäumten Hügeln erstreckte sich das Kirschblütental. Ein klarer Fluss schlängelte sich durch das Tal, gesäumt von grünen Wiesen und malerischen Höfen, deren Fenster mit Blumenkästen geschmückt waren. Der gepflasterte Weg zum Dorf führte über mehrere steinerne Brücken, die elegant die verzweigten Arme des Flusses überspannten. Kleine Wassermühlen mit Strohdächern säumten die Kanäle, die vom Hauptstrom abzweigten. Die rosa Blüten der Kirschbäume glitzerten in der Mittagssonne. „Ein schöner Ort“, dachte sie, „aber keiner, an dem ein Ungeheuer sein Unwesen treiben sollte.“ Sie zog das Auftragsschreiben hervor und las es erneut. Die Verwaltung des Gebietes oblag dem Handelskonkordat, das hier seinen Sitz hatte. Ihr Weg führte sie daher zum grossen Handelshaus, das imposant auf dem Dorfplatz thronte. Mit einem prunkvollen Brunnen im Zentrum des Platzes wirkte es wie ein Palast. Die Reiterin band ihr Pferd am Brunnen fest, klopfte den Staub von ihrem Mantel und stieg die breite Treppe des Handelshauses hinauf. Sie fasste an ihren Gurt und überprüfte, ob alles Notwendige da war. Sie klopfte an das schwere, goldverzierte Tor, doch niemand öffnete. Erst beim dritten Versuch erschien ein kleines Mädchen mit langen blonden Zöpfen in der Türöffnung. „Mama ist nicht da“, erwiderte das Kind mit scheuem Blick. „Sie befinden sich alle beim Fluss... sie haben wieder jemanden gefunden.“ Sie dankte dem Mädchen mit einem knappen Nicken, stieg auf ihr Pferd und lenkte es in Richtung der Kirche.

Ihre Augen suchten den Himmel ab, während sie ritt. Ein Schwarm Vögel, der sich östlich über einem Feld sammelte, zog ihre Aufmerksamkeit auf sich. Sie spornte ihr Pferd an, bald erkannte sie eine Menschengruppe, die sich auf einem brachliegenden Stück Land versammelt hatte. Als sie näher kam, traten die Dorfbewohner beiseite, um ihr Platz zu machen. Die Reiterin hielt ihr Pferd an und glitt elegant aus dem Sattel. Ihre Stiefel berührten den aufgeweichten, feuchten Boden, als sie sich einen Weg durch die Menge bahnte. Die Dorfbewohner, Bauern, Müller und Handwerker wirkten wohlhabender als jene, denen sie sonst begegnete. Ihre Kleidung war sauber und von hoher Qualität. In der Mitte des Kreises bot sich ein grausiges Bild: Ein formloser Haufen aus Fleisch und Blut lag im Gras, nur noch schemenhaft als das zu erkennen, was einst ein Mensch gewesen war. Die Vögel hatten sich in der Nacht bereits daran gütlich getan. Ein Wachmann in abgenutzter Uniform stand daneben und war offenbar in ein Gespräch mit einer Händlerin vertieft, die auf dem groben schlammigen Feld, in ihren fein gearbeiteten Kleidern fehl am Platz wirkte. Die Reiterin verlangsamte ihr Tempo und trat näher. Kurz spiegelte sich die Sonne in der goldenen Brosche der Händlerin und blendete sie, sodass sie die Hand vor die Augen legen musste. Das Gespräch verstummte. Die Händlerin wandte sich überrascht zu ihr. „Wer in aller Welt seid Ihr?“ „Ich bin Rose“, begann die Reiterin mit einem knappen Lächeln. „Die Jägerin des Königs, die Ihr in der Reichsstadt angefordert habt.“ „Ihr?“ Die Händlerin musterte sie von oben bis unten. „Seid Ihr nicht ein wenig jung für solch eine Aufgabe?“ Rose begegnete ihrem strengen Blick ruhig. Die Frau mochte um die fünfzig sein und duldete ihrem Auftreten nach keinen Widerspruch. „Ich bin mir der Verantwortung bewusst“, erwiderte Rose. „Und dies ist nicht mein erster Auftrag. Ich denke jedoch, die Arbeit geht vor. Ihr werdet Euch bald selbst von meinen Fähigkeiten überzeugen können.“ Die Händlerin sah sie weiterhin skeptisch an. „Nun gut. Wir werden sehen.“ Sie nickte dem Wachmann zu, der wie auf Befehl nähertrat. „Ich bin der leitende Wachmann von Kirschtal. Petar mein Name. Ich leite die Untersuchung.“ Angewidert blickte er zu dem Leichenrest. „Drittes Opfer in diesem Monat. Wir haben, wie es das Gesetz vorschreibt, sofort die Reichsstadt informiert. Ihr kommt spät.“ Sein Blick wurde vorwurfsvoll. „Dies hier hätte verhindert werden können.“ Verächtlich spuckte er aus. Rose schwieg. Sie kniete nieder und betrachtete den grausigen Fund. Ihr geübtes Auge nahm jedes Detail auf: die Tiefe der Wunden, die Verteilung der Überreste, die Spuren im Gras. Schließlich richtete sie sich wieder auf und sah der Händlerin fest in die Augen. „Und?“, fragte diese fordernd. Rose deutete auf den Boden. „Die Spuren sind fast vollständig verwischt. Ihr hättet gut daran getan, nicht mit dem halben Dorf hier aufzukreuzen.“ Sie zeigte auf die Menge Schaulustiger. „Schickt sie weg.“ Die Händlerin wechselte ein paar Worte mit Petar. Dieser trat vor. „Geht nach Hause. Die Jägerin ist hier und wird sich der Sache annehmen.“ Die Leute murrten; zu gern hätten sie die Fremde weiter beobachtet. Petar wurde lauter. „Ich sagte: Geht nach Hause!“ Schließlich zerstreute sich die Menge widerwillig. Rose sah erneut zum Boden. Die Spuren waren fast nicht mehr zu erkennen. Sie griff nach einem kleinen Beutel an ihrem Gürtel, nahm eine Prise feinen Pulvers und schluckte sie. Die Händlerin beobachtete sie misstrauisch. „Mit diesem Mittel kann ich selbst schwächste Spuren erkennen“, erklärte Rose ruhig. „Es verstärkt Kontraste und lässt Farben deutlicher hervortreten.“ Sie trat einige Schritte umher. Die Wirkung setzte ein; die Welt schien schärfer, klarer. Rose kniete, hob einige niedergetretene Halme auf und wandte sich dann nach Osten. Ihr Blick glitt über das Feld bis zu einem Kanal, der an einer Mühle vorbeiführte. Schwache Fußspuren wurden sichtbar – groß, schmal, unnatürlich verformt. Sie folgte ihnen ein paar Schritte. Die Spur führte über das Feld zu einem schmalen Pfad, der sich Richtung Wald wand. Rose kehrte zurück. „Wohin führt dieser Weg?“ „Alte Mine“, antwortete Petar knapp und spuckte erneut aus. „Das ist alles?“ Die Händlerin nickte. „Stillgelegt. Die Gebäude stehen noch. Nichts Besonderes.“ Rose sah sie prüfend an. „Lagerhallen?“ „Und eine alte Kirche, glaube ich.“ „Gut“, sagte Rose. „Ich werde mir morgen diese “nicht besondere” Mine ansehen.“ „Erst morgen?“ Die Händlerin klang missbilligend. Eine kurze, gespannte Stille entstand. „Ihr könnt bei mir wohnen“, fuhr die Händlerin fort. „Beim Essen könnt Ihr mir vielleicht erklären, mit welchem Ungeheuer wir es zu tun haben.“ „Danke“, sagte Rose. „Das werde ich tun.“

Wenig später saß sie im prunkvollen Esszimmer des Handelshauses. Das Gebäude hob sich mit seiner dunkelgrauen Fassade und den langen Fensterbögen deutlich von den einfachen aber idyllischen Bauernhäusern ab. Für Rose bedeutete dieser Anblick nur eines: Hier wollte jemand Eindruck machen – und tat es mit zweifelhaftem Geschmack, der sich auch im Inneren fortsetzte. Statuen, Vasen und Zierrat standen überall, wahllos zusammengestellt, einzig verbunden durch ihren offensichtlichen Wert. Die Jägerin, die im Wald aufgewachsen war, bewegte sich steif in dieser Umgebung. Lieber hätte sie im Stall bei ihrem Pferd geschlafen, doch die Händlerin hatte darauf bestanden, ihr bestes Zimmer herzurichten. Das Himmelbett war mit rotem Brokat bespannt, gelbgrüne Statuen zierten eine schwere Kommode mit vergoldeten Griffen. Alles wirkte überladen. Beim Essen war die Stimmung kühl. Still löffelte Rose ihre Suppe. Außer ihr und der Händlerin saß ein junges Mädchen mit langen blonden Zöpfen am Tisch. „Eure Tochter?“, fragte Rose vorsichtig. „Natürlich. Wen sollte ich sonst hier sitzen lassen? Oder glaubt Ihr, ich lade Bauernkinder an meinen Tisch?“ Rose zögerte. „Ich dachte nur… wegen der Haare.“ Die Händlerin winkte einem Diener, der Wein einschenkte. „Von ihrem Vater. Wie einige andere Schwächen auch. Er starb vor fünf Jahren bei einem Räuberüberfall.” Rose zuckte zusammen. “Fiel vor Angst vom Pferd und brach sich das Genick.“ Die Händlerin tauchte ihr Brot in die Suppe. „Die Eskorte vertrieb die Halunken. Doch mein Mann war tot. Gestorben aus Angst.“ Sie hob den Arm und deutete auf den Raum. „Das alles hier, Rose – mein Werk. Ganz allein.“ „Rattika. Gerade sitzen. Ellbogen vom Tisch!“ Das Mädchen zuckte zusammen. Die Händlerin wandte sich wieder Rose zu. „Genug davon. Kommen wir zum Ungeheuer. Sprecht.“ Rose legte den Löffel beiseite. „Die Spuren sind eindeutig. Die Überreste ebenfalls. Auch wenn es … Unstimmigkeiten gibt.“ „Ach?“ „Es ist das Werk eines Draugs“, sagte Rose. „Ein untoter Wächter. Sehr stark. Leuchtende Augen. Fähig, seine Größe zu verändern. Doch Draugs bewachen. Sie töten keine Unschuldigen!“ Die Händlerin hob eine Augenbraue, lächelte spöttisch. „Dieser offenbar schon.“ „Jemand hier hat seinen Zorn geweckt“, entgegnete Rose kühl. „Etwas wurde ihm gestohlen. Er sucht danach – und wird nicht aufhören, bis er es zurückhat.“ Die Händlerin kaute langsam. „Wir sind ein friedliches Dorf. Wohlhabend. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand hier…“ Sie schluckte. „…stiehlt. Schon gar nicht einem Monster.“ „Draugs erscheinen nur nachts“, sagte Rose. „Jemand muss dies gewusst haben. Und sie bewachen selten wertlosen Tand. Es geht um etwas Bedeutendes.“ Die Händlerin lachte leise. „Ihr glaubt doch nicht, dass jemand hier vor meinen Augen…“ Ihr Blick glitt zu ihrer Tochter, die hastig die Ellbogen vom Tisch nahm. Rose stand auf. „Ich sehe mir morgen die Mine an. Verzeiht – es war ein langer Tag. Habt Dank für Eure Gastfreundschaft.“ Sie verbeugte sich knapp und verließ den Raum. Ein Schatten löste sich aus der Wand. Petar trat neben die Händlerin. Ihr Blick wurde hart. „Diese Jägerin ist mir zu neugierig.“ „Ich kümmere mich darum“, brummte er und verließ mit entschlossenem Schritt den Saal.

 


Kapitel 2: Die Mine

 

Rose ritt gemächlich den schmalen Pfad entlang, der von Feldern, Weiden und vereinzelten Steinmauern gesäumt war. Vor ihr öffnete sich eine Allee aus alten Eichen, die in den dichten Wald führte. Sie folgte dem von Gras überwachsenen Pfad und gelangte schliesslich zu einer halb verfallenen Kirche auf einem sanften Hügel.

Neben der Kirche lagen die Überreste alter Minengebäude. Die Mauern bröckelten und überall lagen verrostete Geräte verstreut. Ein schmaler Weg führte hinab zu einer Felswand, wo das Eingangstor der Mine mit dicken Brettern vernagelt war. Ein zerbrochener Minenwagen lag daneben.


Rose spürte keine unmittelbare Gefahr – Draugen erschienen nur nachts. Dennoch war sie wachsam. Mit ihrem Dolch hebelte sie die Bretter vom Tor und trat in die Dunkelheit der Mine. Ein schwacher Lichtschein fiel durch den Eingang, doch schon bald befand sie sich in völliger Finsternis.

Sie griff an ihren Gürtel, löste einen grossen blauen Edelstein und bestreute ihn mit einem Pulver. Der Stein begann schwach blau zu leuchten, gerade hell genug, um den Stollen zu erhellen. Der Hauptgang schlängelte sich mal bergauf, mal bergab, mit mehreren Abzweigungen und Lüftungsschächten. Die Mine wirkte erstaunlich gut erhalten, als wäre sie erst kürzlich aufgegeben worden.

Rose folgte dem Haupttunnel, der sich schliesslich zu einer grossen Halle öffnete. Hier standen verlassene Aufzüge und ein kleines grob gemauertes Gebäude mit zerbrochenen Fenstern. Einige leere Minenwagen standen verstreut herum, Rose kletterte über den Rand eines Wagens, um hineinzusehen. Sie hob den Edelstein hoch, um besser hineinschauen zu können. Der Wagen schien leer, doch am Boden lagen noch einige Steine. Winzige gelbe Punkte schimmerten darauf im bläulichen Licht. „Gold!“, dachte Rose. Kein Wunder, dass das Dorf so gepflegt und wohlhabend wirkte – die Mine hatte es reich gemacht. Doch jetzt schien sie endgültig stillgelegt worden zu sein.

„Das erklärt einiges, aber ich denke nicht, dass der Draug hier in der Mine sein Unwesen treibt“, murmelte Rose „Ich sollte mich in der nahegelegenen Kirche umsehen.“

Sie wollte sich gerade auf den Rückweg machen, als ein lauter Knall vom Tunneleingang her erschallte. Obwohl sie weit entfernt war, bebte der Boden: kleine Steine lösten sich von der Decke und rieselten herab.

Roses Herz raste, als sie den Gang zum Eingang entlang eilte. Bald türmte sich vor ihr ein Haufen Geröll, der den Rückweg versperrte.
„Ich habe sie unterschätzt. Sie haben den Eingang gesprengt“, dachte Rose mit einem flauen Gefühl im Magen. „Wenn die Mine keinen zweiten Ausgang aufweist, bin ich verloren.“ Hektisch liess sie ihren Blick umherschweifen. Auf einmal wirkte die Mine auf sie wie ein riesiges Grab.

Rose setzte sich auf den Höhlenboden, legte die Arme auf die Oberschenkel, schloss die Augen und versank in eine tiefe Meditation. Nach einer Weile richtete sie sich wieder auf, bewegte ihre Glieder und spürte, wie Ruhe und neue Kraft durch ihren Körper strömte.
Ermutigt stand sie auf, befeuchtete ihren Finger und hob ihn in die Luft. Sie spürte einen schwachen Luftzug von rechts. Den Finger weiterhin erhoben, folgte sie ihm langsam. Vor ihr verzweigten sich mehrere Gänge. Sie wählte den linken und ging voller Hoffnung weiter. Vorbeigehend an zerstörtem Werkzeug hallten ihre Schritte durch den Gang, als sie tiefer in den Berg vordrang. Leise zählte sie die Verstrebungen an der Decke, um sich abzulenken. Je weiter sie ging, um so mehr schwand ihre anfängliche Hoffnung – der Gang führte nicht Richtung Ausgang.


Schliesslich öffnete sich der Gang zu einem hohen Raum, in dem eine steinerne Treppe nach oben führte. Am Boden lag eine zerborstene Statue. Rose blickte erstaunt auf: Es war der Kopf eines Zwerges. Die Wände wirkten hier anders als zuvor. Steinerne Säulen mit feinen Verzierungen stützten die Decke des rechteckigen Ganges.
„Das muss der alte Teil einer alten Zwergenmine sein“, dachte Rose. „Wahrscheinlich werde ich hier keinen Ausgang finden.“ Bald verzweigte sich der Weg erneut in mehrere Richtungen. Rose befeuchtete ihren Finger und hob ihn erneut. Der Luftzug war verschwunden. Stirnrunzelnd blieb sie stehen – sie war sich sicher, zuvor einen Hauch gespürt zu haben.


Entschlossen kehrte sie um und lief zurück, den Finger hoch erhoben. Sie spürte den Luftzug erneut an ihrem Finger. Aber woher kam er? Kein offenes Loch, kein Seitengang war zu sehen. Nachdenklich tastete sie die Wände ab. Der kalte Stein schien unnachgiebig, bis ihre Hand eine schmale Lücke zwischen den Steinen ertastete.
Mit klopfendem Herzen leuchtete sie mit ihrem Edelstein in die Fuge. Das Licht enthüllte eine Mauer aus locker gefügten Backsteinen. Die Lücke war zu klein, um hindurchzupassen. Rose biss die Zähne zusammen, fasste sich ein Herz und nahm Anlauf. Mit voller Wucht prallte sie gegen die Mauer. Die Steine fielen krachend auseinander, Staub wirbelte auf und der Schwung riss Rose mit. Sie stürzte unsanft auf den Boden der dahinterliegenden Kammer. Husten schüttelte ihren Körper, während die Mauer hinter ihr laut krachend in sich zusammenbrach und den Gang verschüttete.
Rose rappelte sich auf und wischte den Staub aus ihrem Gesicht. Der Rückweg war nun doppelt blockiert. Ein mulmiges Gefühl machte sich in ihr breit, doch sie wusste, dass es keinen Weg zurück gab. Diese Route war ihre letzte Chance.


Hinter der eingestürzten Mauer erstreckte sich ein neuer Gang. Von Zeit zu Zeit klafften grosse Löcher in den Wänden, wo einst nach Gold gesucht worden war. Die Decke war mit morsch wirkenden Holzplatten verstärkt, die vom Staub schwarz gefärbt waren. Immer wieder stiess Rose auf alte, knarrende Holztüren, die sich nur widerwillig öffnen liessen.


Dieser Abschnitt war eindeutig von Menschenhand geschaffen worden, dachte Rose. Überall lag Abfall und zerstörtes Gerät. Aus dem Gang vor ihr hörte sie ein leises Klopfen und sie blieb stehen. Während ihrer Ausbildung hatte sie viel über Kreaturen, die in Minen lebten, gelernt. Der sogenannte „Klopfer“ war eines der harmloseren Wesen: Er machte durch Klopfgeräusche auf gefährliche Stollen oder drohende Einstürze aufmerksam. „Der oder die Klopferin ist ein Wesen, das sich im Allgemeinen in Minen aufhält und durch ein mehr oder weniger starkes Klopfgeräusch die Minenarbeiter und Arbeiterinnen vor Gefahren warnt. In seltenen Fällen können sie bösartig handeln und selbst einen Einsturz verursachen“, zitierte Rose den Eintrag aus dem Bestiarium.
Ihr erster Auftrag nach der Ausbildung hatte sie tief in die Minen von Althagen geführt, so dass sie als Vorbereitung alle wichtigen Kreaturen auswendig gelernt hatte. Das war schon einige Zeit her, für einen kurzen Augenblick verlor sie sich in ihren Erinnerungen. Sie gab sich einen Ruck. Sie musste einen Ausweg finden. Das Klopfen ertönte aus dem linken Gang. Rose nahm die Warnung des Klopfers ernst und entschied sich für den anderen Weg.


Dieser führte stetig bergauf, dann wieder abwärts und mündete schliesslich in einer breiten Höhle. Die Wände waren mit Rohren und Holzkonstruktionen verkleidet. Wieder hob Rose ihren Finger, um den Luftzug zu spüren. Diesmal kam er von oben. Rose blickte hinauf und entdeckte ein grosses, vertikales Loch, drei Meter über ihr – unerreichbar.


Verzweifelt ballte sie die Fäuste und schlug sie voller Wut gegen die kalte, raue Wand. Wie sollte sie jemals hinaufgelangen? Der Rückweg war versperrt, unter keinen Umständen wollte sie in dieser Mine sterben. Sie sank zu Boden, ihr Herz pochte heftig, der Puls raste.

 

 

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"Rose – Band 2: Minenstadt"
Ein Fantasyroman über Mut, Verrat und die Suche nach Wahrheit
Mit dem zweiten Band ihrer Geschichte kehrt Rose, die junge Jägerin im Dienst des Königs, zurück – und gerät in ein Netz aus politischen Intrigen, dunklen Machenschaften und alten Geheimnissen. Beauftragt, eine rätselhafte Mordserie in einer abgelegenen Zwergenmine aufzuklären, entdeckt sie schnell: Hier geht es um mehr als nur ein Ungeheuer in der Tiefe.

Während Rose in der unterirdischen Stadt auf Widerstand stösst, bleibt sie unbeirrbar – auch als ein tödlicher Anschlag sie beinahe das Leben kostet. Je tiefer sie in die Minen eindringt, desto mehr geraten die Grenzen zwischen Freund und Feind, Wahrheit und Lüge ins Wanken.
Ganz anders entfaltet sich die Geschichte in der Reichsstadt: Nolan, ein Ermittler mit scharfer Beobachtungsgabe und düsterer Vergangenheit, kommt einer Verschwörung auf die Spur, die bis in höchste Kreise reicht. Bald kreuzen sich beide Geschichten – und die Wahrheit, die sie ans Licht bringen, erschüttert das Reich bis ins Mark.

"Rose – Band 2" ist ein klug konstruierter, atmosphärischer Fantasyroman, der klassische Abenteuer mit gesellschaftskritischen Untertönen verbindet. Düster, spannend und voller eigenwilliger Figuren – ein Muss für Leser*innen, die Tiefe und Spannung lieben.


 

 

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